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Doreen Nabwire - "A star on and off the pitch"

Engagierte Frau findet engagierten Verein (September 2009)

Die Kenianerin Doreen Nabwire Omondi hat mit ihren 22 Jahren viel erlebt: eine schwere Kindheit in einem der größten Slums Afrikas, 2006 mit dem Projekt MYSA Straßenfußball-Weltmeisterin in Berlin, FIFA-Botschafterin bei der Auslosung für die WM 2010, Trainerin und Nationalspielerin. Nun hat sie nach langer Suche in Werder Bremen einen engagierten Verein gefunden, der ihr gleichzeitig berufliche Perspektiven bietet. Unterstützt wurde sie dabei vom deutschen Filmemacher Herbert Ostwald und PLAY!YA.

Geboren und aufgewachsen ist Doreen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, in den Slums von Ngomongo und Mathare. Wie viele Kinder setzte sie ihre Begeisterung für den Fußball zuerst mit Getränkedosen in die Tat um - oder was sonst so zwischen den einfachen Behausungen aus Wellblech und Holz zu finden war. Später fertigte sie mit ihren Freundinnen Bälle aus Lumpen, alten Lappen, Plastiktüten und Schnüren. Fußball war schon immer ihr Begleiter durchs Leben.

Doch nicht nur mit Begeisterung war Doreen gesegnet, sondern auch mit Talent. Früh kickte sie mit Jungs, früh war sie ebenbürtig. Im Alter von zehn Jahren trat sie der Organisation Mathare Youth Sport Association (MYSA) bei. Mit bis zu 17.000 Jugendlichen arbeitet MYSA jährlich und bietet jungen Menschen einen festen Halt. Außer Doppelpass und Dribbling lernen die Jugendlichen soziale Verantwortung und Umweltschutz, besuchen Akrobatik- und Fotokurse. Zweimal bereits wurde MYSA für den Friedensnobelpreis nominiert.

Soziales Engagement und fußballerische Klasse

Doreen spielte herausragend bei MYSA, arbeitete dabei aber auch als Team-Leiterin in der AIDS-Prävention, gab Seminare über Gesundheitsrisiken und war als Fußballtrainerin aktiv. Ihre eigene Karriere ist reich an Höhepunkten, für viele gehört sie zu den besten Fußballspielerinnen des Kontinents. Bereits mit 15 Jahren spielte Doreen für Nationalelf. In der U20-Auswahl trug Doreen die Kapitänsbinde. Sie kickte gegen die Giganten Nigeria und Kamerun und schoss ihr Team zu wichtigen Siegen. Die Kombination aus sozialem Engagement und fußballerischem Talent macht Doreen zu einer außergewöhnlichen Frau und zu einem wichtigen Vorbild für Mädchen, wie der kenianische Sender "Nation TV" bemerkte: "She is a star on and off the pitch, a role model for girls."

Bei ihren Auslandsreisen lernte sie aber auch die Schattenseiten des kenianischen Fußballs kennen: Funktionäre verprassten die Spesen der Damen für private Einkäufe, die Spielerinnen blieben tagelang ohne Essen. Die Machtkämpfe im Fußballverband führten zudem dazu, dass die Frauennationalmannschaft seit zwei Jahren kein Spiel mehr ausgetragen hat und international bedeutungslos geworden ist.

Weltmeisterin in Berlin, Medienstar der FIFA und wieder zurück

Auf einem anderen Feld ist Doreen jedoch schon Weltmeisterin: 2006 zeigte sie ihr Können in Deutschland. Als Teil der Delegation von MYSA gewann sie den Titel bei der Straßenfußball-Weltmeisterschaft festival06 in Berlin. Zum Medienstar wurde sie dann Ende 2007 bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die FIFA-WM 2010 in Südafrika. Als Botschafterin der Sozialinitiative "FIFA Football for Hope" stand sie gemeinsam mit Stars wie Franz Beckenbauer, George Weah oder Marcel Desailly auf der Bühne – und erzählte selbstsicher und souverän von ihren Erlebnissen und der Bedeutung sozialer Arbeit mit Fußball.

Durch diesen Auftritt wurde sie auch in ihrer Heimat berühmt, die heimischen Medien stürzten sich auf die sympathische Frau mit den Rastalocken. Im Fernsehen wurde sie als weibliches Sportidol präsentiert, in Zeitschriften wie "True Love" als Pop-Ikone aufgebaut.

Doch ihre Popularität konnte ihr nicht zu einem besseren Leben verhelfen. Auch sie wurde Opfer der politischen Verhältnisse: Die Unruhen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im Dezember 2007 ließen ihre Chancen auf professionellen Sport weiter sinken. Während draußen Häuser brannten und Menschen gejagt wurden, war die Luhya Doreen damit beschäftigt, Angehörigen anderer Ethnien in ihrem Haus eine sichere Zuflucht zu organisieren. Denn Stammeszugehörigkeit war und ist für sie nicht wichtig - wie hätte sie sonst auch ein Fußballteam zusammenstellen können?

Offene Gewalt und gesellschaftliches Chaos konnte ihre Begeisterung für den Fußball nicht stoppen. Nach Ende der Kämpfe suchte Doreen die Spielerinnen ihres Teams zusammen – in Flüchtlingslagern, in Kirchen, auf der Straße ... Sie wohnte in kargen Verhältnissen in einer Drei-Zimmer-Mietwohnung aus Stein, zusammen mit ihren Eltern und drei jüngeren Geschwistern. Und trainierte dann bald nach den Unruhen schon wieder bei einem Erstligateam - einem Männerteam, denn eine Frauenliga gibt es bis heute nicht wieder.

Gesucht: Deutscher Verein mit sozialem Engagement

Deshalb träumte Doreen schon lange davon, in Deutschland in einem starken Frauenteam spielen zu können, um ihr großes Talent auszuleben und sich ein sicheres Leben aufzubauen. Auf Initiative des deutschen Dokumentarfilmers und Journalisten Herbert Ostwald, der sie seit vielen Jahren begleitet und unterstützt, kam Doreen Mitte April 2009 für vier Wochen nach Europa. Auf ihren Aufenthalt bereitete sie sich bestens vor, besuchte zweimal in der Woche einen Deutschkurs am Goethe-Institut und trainierte zudem das Team der deutschen Schule in Nairobi.

Mit Hilfe von Ostwald und PLAY!YA spielte Doreen bei verschiedenen Damenteams vor, unter anderem beim den Erstligisten SG Essen-Schönebeck und FF USV Jena sowie bei Bayer 04 Leverkusen, dem FC Lübars/Hertha BSC Berlin und anderen Vereinen. Überall waren die Reaktionen positiv, sowohl im Bezug auf ihre sportlichen als auch menschlichen Qualitäten. Doch anders als im Profibereich bei den Herren fehlt dem Damenfußball die finanzielle Kraft - und somit auch die Voraussetzung, um das nötige Gehalt für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung nachzuweisen. Somit schien der Traum von einem fußballerischen Engagement in Deutschland geplatzt. Und nicht nur das: Auch die Aussicht auf eine berufliche Perspektive und die Möglichkeit zur finanziellen Unterstützung ihrer Familie hatten Doreen auf einen Vertrag hoffen lassen.

Die beständige Unterstützung von Herbert Ostwald und PLAY!YA zahlte sich dann aber letztlich aus - über den Umweg Willi Lemke, UN-Sonderbeauftragter für Sport und Entwicklung. Der ehemalige Manager von Werder Bremen und Bildungssenator in Bremen war bei einem Zusammentreffen in Nairobi spontan angetan von Doreens Person und Geschichte und kontaktierte umgehend seinen alten Arbeitgeber. Und der Fußball-Bundesligist, dessen Damenteam in der zweiten Liga spielt, zeigte sofort Interesse. Nun spielt Doreen seit September 2009 in Bremen und stellte umgehend ihre fußballerische Klasse unter Beweis: Im stets emotionsgeladenen Nordderby mit dem Hamburger SV blieb sie eiskalt und erzielte beide Treffer zum 2:2.

Doch nicht nur sportlich gilt Doreen sofort als Verstärkung. Sie arbeitet auch als Praktikantin im Bereich "Internationales" in der Geschäftsstelle von Werder. Ihr Aufenthalt bei Werder ist jedoch bislang nur auf ein Jahr ausgelegt, wie es danach weitergeht, ist bislang offen. Ihre Erfahrungen möchte Doreen jedenfalls wieder in Nairobi einsetzen und bereits jetzt am Aufbau des Fußball- und Bildungsprojekts GIRLS!UNLIMITED.

PLAY!YA unterstützt Doreen weiterhin aktiv, sowohl bei der Eingewöhnung in Bremen als auch bei ihren Planungen für die Zeit danach. Ohne ein passendes Umfeld, ohne persönliche Betreuung, ohne Freunde und soziale Aktivitäten ist auch die begabteste Fußballerin nicht zu großen Leistungen fähig. Und Doreen hat es wahrlich verdient, auf dem Fußballplatz endlich einmal befreit aufspielen zu können.

RAUS LESEN:
> werder.de: Doppelpack von Doreen Nabwire zum Einstand (27.9.2009)
> werder.de: Werder unterstützt Kenianerin Doreen Nabwire für ein Jahr (25.9.2009)
> Womensoccer.de: Dodos Ballzauber (24.8.2008)
> FIFA.com: Spannung bei der Auslosung (25.11.2007)
> Mathare Youth Sports Association (MYSA)

 

RAUS SEHEN:
> Deutsche Welle TV: Kick it like ... Doreen (April 2008)